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03.04.2018

Im Dialog

FÜHRUNG UND WERTE

FÜR UNTERNEHMEN IN ZEITEN DES WANDELS. So lautete der Titel unseres 10. Wohnzimmergesprächs am 15. März 2018 in Bonn. Unsere Gäste waren Frank Roebers, Vorstandsvorsitzender der SYNAXON AG, und Jens-Thorsten Rauer, Vorstandsmitglied der Wertekommission.

 

FÜHRUNG NACH DEM WIKIPEDIA-PRINZIP

Frank Roebers, Vorstandsvorsitzender der SYNAXON AG, brachte unsere Zuhörer zum Staunen. Kurz umriss er die Rahmenbedingungen – früher 40 % Fluktuation, Unternehmenskrisen in 2008 und 2012, heute erfolgreich expandierend – um dann vom Unternehmens-Wiki und Liquid Feedback zu berichten. Mit dem Wiki führt Roebers das Unternehmen ähnlich dem Wikipedia-Prinzip. Mitarbeiter dürfen jederzeit Änderungen an Prozessen und Stellenbeschreibungen ins Wiki eintragen. So lange niemand widerspricht, gilt die Änderung mit sofortiger Wirkung. Und mit Liquid Feedback (der Software, die von der Piratenpartei genutzt wird) kann jeder im Unternehmen Initiativen anschieben. Finden sich genügend Befürworter, hat sich der Vorstand verpflichtet, alles umzusetzen.

MUT UND VERTRAUEN WICHTIGER DENN JE

Jens-Thorsten Rauer, Vorstandsmitglied der Wertekommission, berichtete von einer im Herbst 2017 durchgeführten Führungskräfte-Studie der Wertekommission. Diese war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Werte Mut und Vertrauen bei Führungskräften deutlich an Bedeutung zunehmen. Er wies darauf hin, dass Roebers’ Führungsstil eher in mittelständischen Unternehmen als in Konzernstrukturen denkbar sei. Auch stellte er in Frage, ob die zwei vorgestellten Tools nicht eher Mittel der Arbeitsorganisation denn der Wertearbeit seien. Doch Roebers widersprach: Gerade weil Werte wie Mut, Vertrauen und Transparenz eine so große Bedeutung im Unternehmen hätten, habe man die Tools eingeführt. Damit lebe man die Werte, die wichtig seien.

RADIKALER ANSATZ ZUM WOHL DES UNTERNEHMENS

Roebers’ durchaus ungewöhnlicher Ansatz der Führung – basisdemokratisch und militärisch zugleich – treibt bisweilen auch unterhaltsame Blüten. So berichtete er, wie ein neuer Mitarbeiter im Wiki beherzt das bestehende Unternehmens-Leitbild gelöscht habe, weil er es nicht als zeitgemäß empfand. Und in einem anderen Fall änderte eine Auszubildende im Wiki einen Prozessablauf im Finanzbereich, was zu wesentlichen Einsparungen für das ganze Unternehmen führte. Und auch wenn es in Liquid Feedback viele gute Initiativen gäbe, die unausgegorenen Vorschläge gibt es auch. So hätte das neu angeschaffte Unternehmens-fahrrad erst mal ungenutzt in der Ecke gestanden. Daraus hätte sich jedoch später das Projekt Betriebsfahrrad entwickelt, mit dem Mitarbeiter ein Fahrrad als variablen Teil ihrer Gehaltsvereinbarung vereinbaren können. Das liefe gut.

HOCHKONZENTRIERT UND GESPANNT

Das Publikum folgte den Ausführungen der beiden Referenten mit großem Interesse. Rauer wurde gefragt, ob die Wertekommission angesichts der letzten Skandale von Großkonzernen aus der Automobilindustrie (aber nicht nur dort) nicht völlig frustriert sei. Das nicht, so Rauer, aber es zeige eben, dass die Wertediskussion in Unternehmen immer noch wichtig sei. Und von Roebers wollte man wissen, ob er die Angst vor dem Kontrollverlust kenne? Nein, er sähe sich ja alles an, was ihm wichtig sei und gebe seine Stimme dazu ab. Außerdem gäbe es ein Veto-Recht des Vorstands, das bisher allerdings nur 2 Mal genutzt wurde. Alle Führungskräfte (wie auch der Vorstand), die allesamt von den Mitarbeitern direkt gewählt würden, seien nach seiner Ansicht sehr zufrieden.

Als wir zu Buffet und Getränken übergehen, gibt es kaum jemanden, der nicht einen neuen Impuls aus der Diskussion mitgenommen hätte. Es ist offensichtlich, dass es noch viele spannende Ansätze gibt, die Führungs- und Wertearbeit im Unternehmen zu optimieren.

Stefanie Fulda


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